Die Burgen Mannenberg

Herrschaftszentrum des Obersimmentals (13.-14. Jahrhundert

Frühe Geschichte (10.–12. Jahrhundert)

Der Mannenberg oberhalb von Zweisimmen bildete im Hochmittelalter das zentrale Herrschaftszentrum des Obersimmentals. Das Tal war im 10. Jahrhundert burgundisches Krongut und gelangte unter Kaiser Otto III. in den Besitz des Heiligen Römischen Reiches.

Ob die im 12. Jahrhundert erwähnten Herren von Siebenthal tatsächlich auf dem Mannenberg residierten, lässt sich aufgrund der Quellenlage nicht eindeutig klären. Denkbar ist jedoch, dass die obere und die untere Burg gemeinsam mit der nahegelegenen Burg Steinegg ein zusammenhängendes Befestigungssystem bildeten, das den nördlichen Zugang ins Tal kontrollierte.

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Burg Mannenberg | Zeichnung Werner Suter 

Baugeschichte

Obere Burg

Die grossflächige obere Anlage, in den Quellen auch als „Schloss“ der Freiherren von Raron bezeichnet, ist bislang nicht archäologisch untersucht worden. Die heute sichtbaren Mauerreste wurden jedoch vermessen und interpretiert. Ein anschauliches Modell beider Burganlagen erstellte der Lokalhistoriker Hans Burkhalter.

Untere Burg

Archäologische Untersuchungen belegen zwei Bauphasen:

  1. Frühe Phase: Eine polygonale Wohnanlage mit Ringmauer und Südwestportal sowie ein grosses Eckgebäude, das in seiner Anlage mit den Hauptbauten der oberen Burg vergleichbar ist.
  2. Zweite Phase (Mitte 13. Jh.): Errichtung eines Rundturms mit einem Durchmesser von 8,6 Metern auf älteren Fundamenten. Dieser Ausbau steht vermutlich im Zusammenhang mit dem Einfluss der Herren von Raron, die Rundturmbauten aus der Westschweiz übernahmen.

Ob beide Burgen zeitgleich bestanden – etwa als Ausdruck paralleler Herrschaftsrechte oder unterschiedlicher Familienlinien – oder ob die untere Burg als Ersatzbau im Zuge eines Herrschaftswechsels entstand, bleibt offen.

Die geschützte topografische Lage des Mannenbergs unterstreicht seine Bedeutung als passage obligée in herrschaftlicher, militärischer und logistischer Hinsicht für Verkehr und Handel.

Herrschaftsgeschichte (13.–14. Jahrhundert)

Herren von Raron

Im 13. Jahrhundert befand sich die Herrschaft Mannenberg (auch Mannenberg–Reichenstein genannt) im Besitz der Familie von Raron. 1270 wird die Burg erstmals urkundlich als „Mamerberg“ erwähnt. Nach dem Tod Peters von Raron im Jahr 1284 veräusserte die Familie die Herrschaft um 1300 an Heinrich IV. von Strättligen; Reichenstein blieb jedoch Eigengut der Raron.

Strättlingen und Greyerz

Heinrich IV. von Strättligen († um 1347) geriet zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten. Ab 1336 traten die Grafen von Greyerz, insbesondere Peter IV., als Lehensinhaber in Erscheinung.

Konflikte und Lehensstreit (1339–1356)

Der Laupenkrieg von 1339 verschärfte die Spannungen im Obersimmental erheblich. Der Mannenberg geriet ins Zentrum eines komplexen Geflechts konkurrierender Adelsrechte – darunter Strättligen, Raron, Greyerz, Bubenberg und Düdingen – sowie in den Einflussbereich der territorial expandierenden Städte Freiburg und Bern. Der Landrechtsbrief von 1347 macht diese Vielzahl von Anspruchsgruppen deutlich. 1348 bestätigte König Karl IV. dem Berner Schultheissen Johann von Bubenberg das Lehensrecht über Mannenberg. Die Grafen von Greyerz nutzten die Burg jedoch weiterhin faktisch und beharrten auf ihren Rechten, was zu wiederholten militärischen Auseinandersetzungen führte. Überliefert ist unter anderem die Schlacht bei der Laubegg. Da die Grafen von Greyerz 1339 bei Laupen gegen Bern gekämpft hatten, galten sie fortan als Gegner der Stadt. In den Jahren 1346/47 unternahm Bern einen erfolglosen Feldzug gegen die Burg Laubegg; 1349 folgte ein zweiter Feldzug, der mit einem Berner Sieg und der Einnahme der Burgen Laubegg und Mannenberg endete.

Bereits 1908 wies der Berner Jurist und Historiker Ludwig S. von Tscharnerausdrücklich auf die unsichere und widersprüchliche Quellenlage dieser Ereignisse hin. Er machte darauf aufmerksam, dass formale Lehnsrechte und tatsächliche Besitzverhältnisse häufig auseinanderfielen – ein Umstand, der durch den späteren Verkauf der Lehen durch die Bubenberg an Greyerz im Jahr 1353 zusätzlich bestätigt wird.

Diese Konflikte sind eingebettet in den allgemeinen Niedergang lokaler Adelsfamilien, veränderte Bündnissysteme sowie die klimatischen und gesellschaftlichen Krisen des 14. Jahrhunderts, darunter Pestepidemien und der Beginn einer längerfristigen Abkühlungsphase.

Ereignisse der „jüngeren Vergangenheit“

Geschichtsforschung

1910 rückte Zweisimmen kurzzeitig ins Zentrum der bernischen Geschichtsforschung. Anlässlich der Jahresversammlung des Historischen Vereins des Kantons Bern referierte Ludwig S. von Tscharner über die Geschichte der Herrschaft Mannenberg. Im Anschluss begab sich die Gesellschaft gemeinsam auf den Mannenberg – eine eindrückliche Verbindung von wissenschaftlicher Arbeit und historischem Ort.

Militärische Bedeutung: 

Der Kommandoposten am Mannenberg.Während des Zweiten Weltkriegs erinnerte man sich im Rahmen des Festungsbaus erneut an die strategische Bedeutung des Mannenbergs als passage obligée. Die Reduitbrigade 21 hatte die Aufgabe, die Zugänge ins Simmental, Kandertal sowie den Raum Interlaken bis Richtung Grimsel und Susten zu sichern. So war Während des Aktivdienstes der Kommandoposten der 2. Division in der Anlage am Mannenberg untergebracht (Tarnbezeichnung KP Brèche). Der KP Brèche blieb bis in die 1990er-Jahre in Betrieb.

Mannenberg als Ort der Tradition und Identitätsstiftung:

Das historischen Mannenberg-Schiessen. Der Schiessstand der Militärschützen Mannried ist seit 1933 Austragungsort des historischen Mannenberg-Schiessens. Am letzten Augustsonntag treffen sich Stamm- und Gästesektionen zu einem traditionsreichen Anlass, der sportlichen Wettkampf mit Brauchtumspflege verbindet.Diese Verwurzelung steht im Kontext der Schweizer Schützentradition, die aus der eidgenössischen Verteidigungsgeschichte hervorging und im 19. Jahrhundert zu einem wichtigen Element nationaler Identitätsbildung wurde.

Natur und Landschaft die Bewegung Pro Simmental. Als legendär gilt die Kundgebung mit Sternwanderung vom 28. Mai 1978 auf dem Mannenberg. Rund 2’000 Menschen folgten dem Aufruf von Pro Simmental, um gegen den geplanten Autobahnbau zu protestieren und die besondere Kulturlandschaft des Simmentals zu bewahren. Der Verein Pro Simmental, der sich seither engagiert für Natur, Landschaft und Kultur einsetzt, konnte kürzlich sein fünfzigjähriges Bestehen feiern.

Belebende Kultur der Gegenwart: Vom Minnesang der Edlen von Strättligen bis zum belebenden Sound heutiger Musik spannt sich der kulturelle Bogen am Mannenberg. Seit 2011 findet hier das Mannried Open Air statt – ein kleines, familiäres Festival mit Schwerpunkt auf Rock, Metal und Volksmusik. Die Mischung aus Hard Rock, Metal-Subgenres wie Melodic Death Metal und regionalen Klängen verleiht der Veranstaltung ihren besonderen Charakter. Organisiert wird das Open Air vom lokalen Verein M:O:A-Events.

Die Burgen aus dem Dornröschenschlaf erweckt

Ohne das Engagement von Hans Burkhalter und Werner Sutter wären die Burgen wohl weiterhin stille Zeitzeugen geblieben. Burkhalter untersuchte Quellen und Überlieferungen, vermass die Anlagen und schuf Modelle. Werner Sutter brachte die Geschichte mit historisch fundierten Zeichnungen eindrücklich zum Leben.

Stiftung Burg Mannenberg

Ein institutioneller Rahmen entstand 2007 mit der Gründung der Stiftung Burg Mannenberg / Burgenweg. Dieses Projekt wurde durch den grossen Einsatz engagierter Bürgerinnen und Bürger, der Bäuert von Mannried sowie der Gemeinde getragen. Seit 2008 werden archäologische Untersuchungen und Sicherungsmassnahmen durchgeführt. Den Abschluss der Sanierung bildete 2011 ein grosser Festanlass mit über 2’000 Gästen, bei dem das nationale Kulturerbe in Anwesenheit der Berner Regierung, des Archäologischen Dienstes, von Historikerinnen und Historikern sowie Vertreterinnen und Vertretern von Bund, Kanton und Gemeinden gewürdigt wurde.

Heute veranschaulichen die Burgen am Mannenberg auf engem Raum die Geschichte des Obersimmentals vom Hoch- bis ins Spätmittelalter und sind Kulturerbe von nationaler Bedeutung.

Jede Landschaft besitzt eine eigene Geographie und Geschichte, aus denen jene kulturelle Eigenart hervorgeht, die sie prägt und die Menschen dieses Lebensraums formt.“
Jean-Pierre Beuret

Hinweis zur Quellenlage:
Die Darstellung stützt sich auf urkundliche Überlieferungen, ältere historische Darstellungen (u. a. Ludwig S. von Tscharner, 1908) und neuere (u. a. Gregor Zehnhäusern,2022; Armand Baeriswyl, 2011; A. Baeriswyl u.Regula Schmid, 2025;  Peter Niederhauser,2025; Annemarie Dubler, 2009), archäologische Befunde (AD Kt.Bern, 2008), sowie lokale Forschungen (Niklaus Siegentaler, 1937; Erich Liechti; 2006). Aufgrund der teilweise widersprüchlichen Quellenlage – insbesondere für das 14. Jahrhundert – bleiben einzelne Besitz- und Herrschaftsverhältnisse interpretationsbedürftig.

Autor: Jean-Pierre Beuret 

Blankenburg, Januar 2026