Bilder aus dem Mittelalter

Einen tiefen Eindruck vom Leben auf den Burgen im Mittelalter zwischen ca. 1150 und 1350 vermittelt der Codex Manesse. Diese Sammlung mittelhochdeutscher Lied- und Spruchdichtung wurde vom Zürcher Patrizier Rüdiger Manesse um 1300 zusammengetragen und umfasst gegen 6000 Strophen.

Weltberühmt wurde die Handschrift vor allem durch ihre farbenprächtigen, ganzseitigen Miniaturen, die den Strophen von 137 der Sänger vorangestellt sind und zeigen die Dichter und Minnesänger in idealisierter Form bei höfischen Aktivitäten. Die Besitzverhältnisse des Codex Manesse wechselten im Laufe der Jahrhunderte, bekannt ist der Verbleib beim Schweizer Calvinisten Philipp von Hohensax (1550 – 1596), nach dessen Ermordung gelangte der Codex 1607 in den Besitz des Kurfürsten Friedrich IV. von der Pfalz nach Heidelberg. Seine Witwe Elisabeth Stuart verkaufte nach Friedrichs Tod 1610 den Codex wegen einer finanziellen Notlage. Über Paris (1657) kam die sehr kostbare Handschrift mittels eines grossen Tauschhandels und der Bezahlung von 150’000 Francs 1888 zurück nach Heidelberg. Zum 625-jährigen Jubiläum der Universität Heidelberg wurde der Codex Manesse vom Oktober 2010 – Februar 2011 zum ersten Mal seit langer Zeit wieder im Original präsentiert.

Ich habe als Auswahl eine Anzahl Miniaturen – die einen Bezug zur Schweiz oder unserer Region haben – ausgewählt, dazu zwei der bekanntesten Minnesänger aus der damaligen Zeit, Walther von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach.

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Heinrich von Stretlingen

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Albrecht von Rapperswil

Der hier im Tanz mit seiner Dame dargestellte Sänger ist entweder Heinrich II. von Stretlingen (1249-1263 oder 1271 bezeugt) oder sein Sohn Heinrich III. (1258-1294). Die Stammburg ihres Geschlechts lag am Westende des Thuner Sees.

Der Minnesänger Albrecht war vermutlich Dienstmann der Grafen von Rapperswil und bekleidete das Marschallenamt, führte also die Aufsicht über das berittene Gefolge. Personen, mit denen er identifiziert werden kann, sind 1272 und 1276 bzw. 1321 und 1336 beurkundet.
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Graf Werner von Homberg

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Rudolf von Neuenburg

Der wohl historisch bedeutendste Minnesänger der Schweiz, Graf Werner von Homberg oder Hohenberg (1284-1320 bezeugt), nahm unter anderem 1304 am Zug der Deutschordensritter nach Litauen teil und zog 1311-1313 mit Kaiser Heinrich VII. nach Italien. Er starb 1320 bei der Belagerung von Genua. Seine Kriegstaten sind auch Gegenstand dieser Miniatur. Der Stammsitz des schweizerischen Grafengeschlechts von Neuenburg ist die Burg Fenis, zwischen Neuenburg und dem Bieler See. Unklar ist, ob es sich bei dem hier dargestellten um den Minnesänger Rudolf II. von Neuenburg (1158-1192) handelt oder um seinen Neffen Rudolf I. (1201-1258).
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Graf Kraft von Toggenburg

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Walther von Klingen

Bei dem Dargestellten handelt es sich vermutlich um Graf Kraft III. von Toggenburg, einen Angehörigen einer der ältesten und mächtigsten Dynastengeschlechter in der Ostschweiz. Er war seit 1286 Chorherr im Zürcher Stift und – als Propst des Zürcher Großmünsters – einer der einflußreichsten Männer seiner Zeit. Er verstarb im Jahr 1339. Walther von Klingen (1240-1286 bezeugt), ein enger Vertrauter König Rudolfs I. von Habsburg, gehörte einem der ältesten Freiherrenge-schlechter des Thurgaus an. Er hatte seinen Wohnsitz zuerst in dem Städtchen Klingnau bei Waldshut, später in Basel, wo er auch starb.
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Rudolf von Rotenburg

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Hesso von Reinach

Der urkundlich 1257 bezeugte Rudolf von Rotenburg gehörte einem nördlich von Luzern ansässigen Ministerialengeschlecht an, das in den Diensten der Vögte von Rotenburg stand. Auf der Miniatur empfängt er aus den Händen seiner Dame einen Kranz. Hesso von Reinach (1234-1275/76), auf der Miniatur als vornehmer Adliger dargestellt, der Krüppel und Bettler in sein Haus einläßt, stammte aus dem Schweizer Kanton Aargau; seine Burg stand in der Nähe des heutigen Städtchens Reinach.
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Johann von Ringgenberg

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Werner von Teufen

Der hier dargestellte Dichter ist mit großer Wahrscheinlichkeit Johann I. von Ringgenberg (1291-1350). Die Heimat seines freiherrlichen Geschlechts war Ringgenberg im Kanton Bern, am nördlichen Ufer des Brienzer Sees nordöstlich von Interlaken. Werner von Teufen entstammte einem freiherrlichen Schweizer Geschlecht, das sich nach seiner zu Teufen am Irchel im Kanton Zürich gelegenen Stammburg Alt-Teufen nannte. Werner ist 1219 und 1223 urkundlich erwähnt.
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Konrad von Altstetten

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Konrad von Landeck

Das Geschlecht derer von Altstetten ist seit 1166 bezeugt und hatte seinen Sitz im Oberrheintal. Es stand in den Diensten des Abtes von St. Gallen. Vermutlich handelt es sich bei dem Minnesänger um den 1320 bis 1327 urkundenden Konrad von Altstetten, der das Meieramt innehatte. Das Bild zeigt den Minnesänger Konrad von Landeck (1271-1306). Seine aus dem Thurgau stammende Familie hielt erblich das Amt des Schenken des Stifts von St. Gallen und stellte die Dienstmannen der Grafen von Toggenburg-.
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Wolfram von Eschenbach

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Walther von der Vogelweide

Wolfram von Eschenbach wurde wohl um 1170 in Franken geboren, nannte sich selbst jedoch einen Bayern. Unter anderem weilte er am Hof des kunstliebenden Landgrafen Hermann V. von Thüringen, wo er vermutlich Walther von der Vogelweide ( nächste Miniatur) getroffen haben dürfte. Zwischen 1200 und 1210 schrieb er dann den Versroman „Parzival“, etwa 25000 Verse in 16 Büchern. Das Thema beeinflusste über Jahrhunderte viele Autoren, die bekannteste Adaption ist sicherlich das Bühnenstück Parsifal von Richard Wagner. Bis heute ist keine Familie nachgewiesen, die zu Walthers Zeiten seinen Namen trug. „Vogelweide“ ist ein nicht seltener Flurname, der den Nist- oder Rastplatz von Zug- und Wandervögeln bezeichnet. Nach seinen eigenen Worten „ze Osterriche lernt ich singen unde sagen“ stammte er vielleicht aus Österreich. Es wird vermutet, daß er um 1170 geboren wurde und um 1230 starb. Einer Nachricht aus dem 14. Jahrhundert nach wurde er im Kreuzgang des Neumünsters in Würzburg beigesetzt.

Wolfram von Eschenbach gilt wie Walther von der Vogelweide als einer der zwölf Meistersinger, in der damaligen Zeit hochgeachtet Männer die als Vorbilder für die nachfolgenden Generationender Minnesänger dienten.

Parzival als PDF (56MB)

Walther von der Vogelweide gilt als der bedeutenste deutschsprachige Lyriker des Mittelalters, neben Minnegesängen umfasst sein Werk auch politische Dichtung und Schmählieder gegen geizige Gönner, die er durchaus mit scharfen Spottstrophen bloss stellte und dabei auch vor dem Kaiser Otto IV nicht haltmachte…

Ein bekanntes Liebeslied…

Große Heidelberger Liederhandschrift (Codex Manesse) 1305 – 1340, Zürich Download als PDF (124MB!)
Quelle: Universitätsbibliothek Heidelberg  

Das Stundenbuch des Herzogs von Berry

Ein gutes Jahrhundert später als der Codex Manesse wurde in Frankreich ein weiteres Meisterwek geschaffen, der Stil der Buchmaler hatte sich deutlich verändert. Die Miniaturen sind wesentlich detaillierter ausgeführt, die Perspektive weist viel mehr in die Tiefe, die Farbgebung intensiver und nicht mehr nur als Fläche ausgeführt.

Die abgebildeten 12 Kalenderblätter besitzen einen hohen dokumentarischen Wert für die Kenntnis der Lebensformen und Anschauungen der damaligen Zeit. Zwischen etwa 1410 und 1416 von den Brüdern Jan, Paul und Hermann von Limburg für ihren Dienstherren Herzog Johann von Berry, dem dritten Sohn von Johannes dem Guten (König von Frankreich) gemalt aber nicht fertiggestellt, da sowohl ihr Dienstherr als auch die drei Brüder  im Laufe des Jahres 1416 whs. an der Pest verstarben.
Komplettiert wurde das Stundenbuch von Jean Colombe, (ca. 1430-1493) einem berühmten französischen Buchmaler aus Bourges (Zentralfrankreich) im Auftrag des  Herzogs Karl I. von Savoyen. Das Stundenbuch ist das berümteste illustrierte Manuskript des 15.Jahrhunderts und umfasst 208 Blätter, davon die Hälfte ganzseitig bebildert.

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Januar

Januar
Der Herzog von Berry in kostbarer ultramarinblauer Robe sitzt am reichgedeckten Tisch, vor der Hitze und Funkenflug des Feuers durch einen Wandschirm beschützt. Ein in den Farben des Baldachins (mit Fleur de Lys) livrierter Zeremonienmeister ruft (approche, approche) die zum Neujahrsempfang zugelassenen Adeligen herbei, die ihre Hände schon dem wärmenden Feuer entgegenstrecken. Der Reichtum des „Duc du Berry“ wird durch das goldene Salzfass mit den beiden Wappentieren des Herzogs (Bär und Schwan) auf dem Tisch und den vielen Kelchen am linken Rand symbolisiert. Die Tappisserie im Hintergrund zeigt – ausgeführt in den Kostümen der Entstehungszeit des Blattes um 1400 – Szenen aus dem Trojanischen Krieg.

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Februar

Februar
Hier wird eine Szene aus dem Leben der einfachen Leute auf dem Land dargestellt. Fast 90 % der Menschen in jener Zeit arbeiteten auf dem Land; viele als unfreie Bauern auf den Besitztümmern des Adels. Zum Wintermonat passend dominiert das Thema Feuer das Bild; als Heiz- und Kochstelle im aufgeschnittenen Haus wie auch der Holzschlag und Transport im Hintergrund. Das Bauernpaar zieht ungeniert die Kleider hoch um die Wärme an den Körper zu lassen, die elegante Dame im Vordergrund hebt züchtig nur den Rock leichthoch und wendet schamvoll das Gesicht ab. Die grossen Holzstücke werden wohl für den Herzog abtransportiert, für das Volk bleiben nur die Reisigbündel…

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März

März
Ein naheliegendes Motiv für den März: Das Beschneiden der Weinstöcke im umfriedeten Clos (Weinberg), die Vorbereitung des Bodens und die Aussaat auf dem brachen Acker. Ein Schäfer weidet im Frühjahr wieder seine Herde im Schatten des Château de Lusignan, einer der Residenzen des Herzogs. Der alte Bauer mit seinem Ochsengespann entspricht wenig der Realitat der damaligen Zeit, die Menschen erreichten sehr selten ein hohes Alter und die Ochsen wurden schon im 12.Jh. mehrheitlich durch die kräftigeren Pferde verdrängt. Die Detailgenauigkeit und die Tiefenstaffelung der Landschaft sind beeindruckend, das in seinen Proportionen präzise dargestellt Schloss war die grösste Burg Frankreichs. Ob der schieren Grösse entstand im 12.Jh. die Legende dass die Fee Melusine (der goldene Drache über dem rechten Rundturm) mit ihren magischen Kräften die Erbauerin sei.

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April

April
Vor der Kulisse der Burg Dourdan in der Region Île-de-France tauscht ein Brautpaar in kostbaren Gewändern die Ringe während zwei Mädchen frisch spriessende Blumen pflücken. Man nimmt an dass die Szene die Verlobung von Charles d’Orleans mit Bonne d’Armangnac, der Enkelin des Herzogs von Berry im Jahr 1410 darstellt. Während und nach der „Regierung der Herzöge“, der Regentschaft die die Herzöge Ludwig von Anjou (1339–1384), Johann von Berry (1340–1416) und Philipp von Burgund (1342–1404) von 1380 bis 1388 für den unmündigen französischen König Karl VI. ausübten, bildeten sich zwei Parteien die sich vor dem Hintergrund des Hundertjährigen Kriegs bekämpften: Die Armagnacs und die Bourguignons. Die Heirat festigte also das politische Bündnis zwischen den Familien der Berrys und derer der Armagnacs; ein zur damaligen Zeit üblicher Vorgang.Es ist schon erstaunlich wie gekonnt die Brüder Limburg Kunst und Politik in ein harmonisches und emotionelles Bild umsetzten!

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Mai

Mai
Am ersten Mai ziehen die jungen Mädchen und Männer feiernd durch das Land und bringen frisches Grün mit nach Hause, ein Frühjahrsbrauch in Anlehnung an die antike römische Mythologie der „Göttin der Blüte Flora“. In der allegorischen Darstellung der vier Jahreszeiten verkörpert Flora den Frühling, ausserdem war sie die Göttin der Jugend und des Lebensgenusses, bei den Griechen durch die Nymphe Chloris verkörpert. Die drei jungen weiblichen Adligen (Prinzessinnen?) tragen die mit Malachitgrün gefärbte „Livrée de Mai“, ob es sich beim Mann im blauen, reich verzierten Umhang im Vordergrund um den Herzog von Berry in seinen Jugendjahren handelt ist nicht eindeutig bewiesen. Die Szene spielt sich in den Wäldern vor den Toren von Paris ab, die Dächer im Hintergrund zeigen das  Palais de la Cité auf der gleichnamigen Insel in der Seine, dem Herz von Paris. Das Palais und die älteste Brücke von Paris, der Pont Neuf, wie auch die Notre Dame dominieren noch Heute die Île de la Cité.

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Juni

Juni

Das Herzstück des alten Paris war das „Palais de la Cité“ Auf dem Bild blickt man vom „Hôtel de Nesle“, einem „Hôtel particulier“ (Stadthaus ähnlich einem  Château auf dem Lande) – der Stadtresidenz des Herzogs du Berry – auf  das  Palais. Die Insel war dreieinhalb Jahrhunderte Residenz der französischen Könige, ein paar Jahrzehnte bevor das Bild gemalt wurde, wurde der Königssitz aus Sicherheitsgründen verlegt. Die Könige der Berry-Zeit bevorzugten das Hôtel Saint-Paul und den Louvre.
Simon II. de Clermont, Herrn von Nesle, war Bauherr des „Hôtel de Nesle“, er war in den Jahren 1270/71 Regent von Frankreich mit dem Titel eines „Lieutenant“ (Stellvertreter) des Königs Ludwig IX. (1214- 1270) Rechts im Bild die Sainte-Chapelle mit einem Kreuz auf der Turmspitze, auf der Treppe zum sogenannte Salle sur l’eau herrscht  ein wahres Gedränge.  Zu wohlhabenden Häusern gehörte immer auch ein Garten oder Feld, doch lag es im Allgemeinen vor den Toren der Stadt. Nur die Gärten der wirklich Reichen und Mächtigen, zu denen der Herzog gehörte, lagen innerhalb der Mauern direkt vor den Fenstern ihres Palais.
Bauern, mit Hüten als Sonnenschutz und nackten Beinen, mähen gemeinsam eine Wiese. Ebenso wie die leichte Kleidung und die Kopftücher der beiden Heuwenderinnen im Vordergrund lässt annehmen, dass es ein heißer Sommertag ist. Auch auf diesem Bild werden die Einzelheiten genauestens wiedergegeben. Das frisch gemähte Gras hebt sich deutlich von dem intensiveren Grün des ungemähten ab, das schon verblichene Gelb des Heus zeigt nochmals einen anderen Farbton.

 

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Juli

Juli

Wird fortgesetzt…

 

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August

August

 

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September

September

 

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Oktober

Oktober

 

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November

November

 

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Dezember

Dezember

 

Das Stundenbuch: Eine kurze Zusammenfassung

Stundenbücher erfreuten sich im (Spät)-Mittelater beim lesekundigen Adel grosser Beliebtheit, sie waren dem Aufbau nach ein dem Brevier der Römisch-Katholischen Kirche sehr ähnliches Gebet- und Andachtsbuch für das Stundengebet. Die Stundenbücher kamen im 13. Jahrhundert auf und verdrängten den Psalter aus seiner beherrschenden Rolle als Gebetbuch. Die Bücher waren meist aufwändig mit Bildern und Buchschmuck versehen und leiteten sich von den im dreistündigen Rythmus zu betenden Tageszeiten ab: Laudes (03:00) Prim, Terz, Sext, Non, Vesper, Komplet und Matutin (24:00) In den Stundebüchern wurden neben den Psalmen und Gebeten auch Merkverse zur Datierung der beweglichen Feste des Kirchenjahres hinterlegt, sie gehören zu den bedeutendsten Werken der Buchkunst im Mittelalter und erlangten schon damals grosse Berühmtheit.

Recherche und Text Daniel Rindlisbacher

Texte zum Mittelalter