In alten Zeiten kam übers Meer von Ägypten her ein ganzes Kriegsvolk nach dem Wallis. Es waren lauter Christen. Da aber die Walliser noch Heiden waren, töteten sie die Krieger. Ein einziger Mann entrann, der hiess Longinus. Lange irrte der Alte im Gebirge umher. Dazumal versperrten noch keine Gletscher die Höhen. Droben am Wallisberg, wo heute kein Gemsejäger mehr über das Eis fürbass mag, lag eine grosse Alp von hundert Rinderweiden, welche man gemeinhin Blüemliberg nannte. Dreimal des Tages konnten dort oben die Kühe gemolken werden. Über diese Alp herab kam Longinus, hungernd, dürstend, wund an den Füssen und vom Scheitel zur Sohle zerlumpt. Die Leute des Tales aber erbarmten sich seiner, nahmen ihn freundlich auf und gaben dem Flüchtigen Raum in ihren Hütten. Als er sich ihr Vertrauen erworben, lehrte er sie den Christengott kennen. Da konnten sich nun die Hexen und Strüdlen den Mund wischen und gehen. Das Gemäuer auf dem Burgbühl,das zu den Götzenopfern gebraucht worden war, zerfiel. Als aber Longinus starb, mahnten die Leute das Tälchen, in dem sie wohnten, in dankbarer Erinnerung an ihn, „die Lengg".

Einst war der obere Rätzliberg im hintersten Simmental, aus welchem in sieben Brunnen die Simme entspringt, eine fruchtbare Alp, auf welcher Mutterne und Adelgras in Hülle und Fülle grünten. Eine reiche, aber geizige Frau unten aus dem Lande hatte den Berg gekauft. Alle Jahre brachte der Hirt, welcher droben sein Vieh sömmerte, der Lehnsfrau den Zins nebst einem Korb voll frischem Zieger und von der goldensten, fettesten Butter. Allein, nie war die Ungenügsame zufrieden. Einst brach ein furchtbares Hagelwetter über den Rätzliberg und Hunger drohte der Herde. Der Küher aber vermochte der Frau im Tale jetzt noch weniger zu bringen. Die Hartherzige aber fluchte ob seines geringen Zinses, verfluchte die Alp, die nichts Besseres hervorzubringen imstande sei. Da rückte plötzlich das Eis vom wilden Strubel auf die Alp zu. Begraben ward der herrliche Berg, verschwunden die blühende Weide. Als der Hirt im nächsten Sommer zurückkehrte, fand er nichts mehr als einen grossen Gletscher.

Die starken Hirten der Berge glaubten eben, als sich unten in den Tälern schon mächtige Städte und Gotteshäuser erhoben, noch lange nur an ihre eigene Ordnung: Weniger aus bitterer Not als aus Übermut überfielen sie gern ihre Nachbarn und wer unter ihnen dank Körperkraft, Waffenübung oder List dabei den Viehbesitz der Seinen am meisten zu mehren vermochte, den grüssten die schönen Mädchen am herzlichsten, der war bei Freund und Feind in der ganzen Umgegend wohl angesehen.
Einmal, da überfielen wie ein Blitz aus heiterem Himmel die Walliser die fruchtbaren Alpen der Lenker im Obersimmental und führten fröhlich ganze Herden als Beute mit sich. Nur die Weiber und die alten Männer waren bei den Beraubten in den Hütten, die ganze kampferprobte Jugend ging für sich irgendwo recht gefährlichen Abenteuern nach. Trotzdem brachen alle, was sich einigermassen auf den Füssen zu halten vermochte, zur Verfolgung der frechen Gegner auf.
Bald schon erblickten die Lenker ihr weggetriebenes Vieh, die siegessicheren Walliser hatten es nun einmal nicht mit der Eile. Die neugewonnenen Herden liessen sie ruhig weiden und feierten in der Nähe den leichten Sieg mit Wein und Spottgesang. Vielleicht wollten sie, sich ihrer gewaltigen Übermacht wohlbewusst, ihre Verfolger sogar absichtlich in die Nähe kommen lassen, um dann schwache Weiber und Greise tüchtig verhöhnen zu können. Da lösten die listigen alten Lenker heimlich die Glocken von den Kühen und schwangen sie selber hin und her, dass es auf der Weide lustig weiterbimmelte. Die Weiber unterdessen, die trieben die gestohlenen Herden rasch wieder heimzu. Erst als Frauen und Vieh so weit weg waren, dass auch der Dümmste unter den Wallisern die Sinnlosigkeit einer wilden Verfolgung sofort einsehen musste, hörten die klugen Greise mit ihrem Schellen auf und liessen dafür ein schallendes Gelächter von allen Bergwänden widerhallen.
Für ihren Mut in der Not erhielten die Lenker Frauen von da an das ehrenvolle Vorrecht, die Kirche vor ihren Männern verlassen zu dürfen.

Zu dieser Sage gibt es auch ein „ Friedens-Lied" von Martin Hauzenberger

Quelle: Hausbuch der Schweizer Sagen von Sergius Golowin

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